Montag, 21. April 2014

aus: Von der kindhaften Farbe des Rittersporns



Meine stürzenden Engel:

Mondlicht-Visionen. (für Uwe Lummitsch)

Visionen. I


traum meiner worte zu eis
erstarrt halt ich die worte
im zaume (wie 'n gaul 's gescherr)
und schmeck noch vom eisen
des lands meinen schrei
der immer und immer geschluckt
wird vom schlund meiner gier.

traum meiner worte zu dampf
verkommt hungre ich die worte
in 'n bauch (und aus ihm gekotzt)
kreiß nur nen schrei an
lang wachen grauschleirigen tagen
des nichtsseins und stumm
sterb ich dem leben davon.
(1992)

Donnerstag, 17. April 2014

Noch einmal Ostern (im fernen Osten)



Osterspaziergang

meiner Mutter

I
flachbrüstig und waldreich (stell ich mirs vor
dieses land: ruft der pirol?) diese gegend
bei goldap, und der schmied ruht aus von der arbeit
am ersten tag, sich stützend auf einen rechen:
meine mutter ein kind mit wippenden zöpfen
(gestern hat a. hitler ihr die hände geschüttelt)
die rennt heut schweigend (warum nur)
während tau ihre strümpfe näßt mit dem krug
in den wald und zurück (hin zur quelle,
hin zum haus) wo wildwachsende brombeeren
braunhäutige messer wetzen und ihrs antun:
der schrei, noch verhalten, das wort
unterdrückt, das schweigen gebrochen
und am hoftor der vater gestützt auf den rechen
lacht breitbeinig schallend der jungfer zu
(wieder kein mann, wieder ein jahr vorbei)
und verbindet die wunden der seele nicht.

Il
schritt um schritt auf der flucht:
das vermessen des lands mit dem schuh
gerissene wunden vernarben schlecht
und dann endlich heimat: flachbrüstig und wald
reich (dieses land kenn ich zu gut)
und sie kreißt und kreißt stößt mich aus
wie einen pfropfen (wie einen flachsknäuel)
und 's osterwasser fließt auf die fliesen
(die sonne draußen sucht im geilen gras
zerrissne schatten zerschnittne träume
zermalmte leiber zerstoßnes grün)

(um 1990)

Mittwoch, 16. April 2014

aus: Von der kindhaften Farbe des Rittersporns



OSTERN NEUNZIG

          
I
wo ist der friede hin!
übers feld übers frostblaue meer
kehrn die Spaziergänger
nach schneeschmelzen heim:
stromern herrnlose hunde
durch flitternde fluren
folgen dem fuß: was ängstigt mich
so. Jahr um jahr junonischer
gang meines jünglings
& meines schlohweissen haars
flüchtiger frost friert mich ein
vereist kindliches lachen
von fern & von nah:
wo ist der friede hin
übers feld übers frostblaue meer

II
jahr um jahr kreißt
frau welt ihre ungebornen
kinder aus hohlem bauch
die taun den schnee vom vor
jahr fort mit glüh'ndem atem
bevor 's wieder schneien wird.

III
stiehl meine zeit
streichle die häute
scher mir das haar
schon mich heut nicht
stoisch, störfrei stigmatisiert & stolz
schön's lachen aus holz
schwarzgraue eier im gras
strangulierter leidenschaften
wo ist mein friede nur hin.

Mailand



MARTIN CAFÉ AM CORSO DI PORTA TICINESE


Am Tisch ein Pärchen. Von ihm sehe ich nur seinen Rücken. Anzugträger. Sie, schön, brunette, langhaarig, lockig, braunäugig, sitzt ihm gegenüber, trägt eine rot-braune Bluse mit auffälligem floralem Muster, die nicht dorthin gehört, fremd an ihr wirkt. Sie schaut ihn an. Gestik: distanziert-offen. Sein Italienisch wirkt hitzig. Er redet. Sie schweigt. Pause. Beide lassen ihre Blicke irgendwohin gleiten, wahrscheinlich auf die Füße, er redet fort. Schaut sie an. Sie weicht seinem Blick aus. Spielt mit der Bluse, streicht sie glatt. Streckt sich, dass sie größer wirkt. Eine Katze. Sie jetzt, mit halb zugekniffenen Augen und einem halb offenen Mund, setzt an und wartet, dass sie reden darf.
Am anderen Tisch ein muskulöser Schwarzer, Basecap, Bart, Muscelshirt. I'm bad! In Weiß-Signalfarben. Auf Schwarz. Tiefes amerikanisches Brabbeln weht herüber, das niemand verstehen kann. Ein Südstaatler, vermutest du. Das Mädel an seiner Seite, blond gefärbt? Rot-blondes Haar. Ein Stimmchen, zart und fordernd. Wer liebt hier wen?
Dann schwarze Straßenverkäufer: Ketten in bunt und kitschige kleine Figuren-Anhänger um den Arm geschlungen. Wolle Rose kaufe?
Abend.
In der Mitte des Platzes: Jugendliche mit Take-Away-Getränken. Eine Dreiergruppe Jungs mit Beck's-Bier in der Hand. Bis sich der Platz füllt mit Lauten, Lachen. Mit Konsonanten und Vokalen. Mit Körpern und Licht. Das Meer aus Sprache spült mich ans Ufer in die Tram.

Sonntag, 13. April 2014

Noch einmal Paris



einmal paris sehen und zurück II (Pigalle)



Die Überredungen! Man will einfach nur Paris sehen. Die Leichtigkeit des Lebens erahnen. Aus alten französischen Filmen. Die nackte Stadt. Die schlafende Stadt. Die Helden in ihr sind längst tot. Oder zu alt für eine Hoffnung. Für einen Blick.
Der Ruch der Männer und deren einfache Strick-Art. Da schwimmen die Illusionen auf der Seine. Fort. Davon. Das welke Blatt treibt nie gegen den Strom. Ein Sex-Shop ist wohl gegen die Einsamkeit gebaut. Doch du treibst heraus. Hinein zu den Männern am Tresen. Rauch. Glimmen. Atmen. Inhalieren. Warten. Und wenn dann noch Celine Dion zu einem 27-Francs-Bier singt, gibt es nichts, was dich aufhalten kann, in die Seine zu springen. Nachtwinde verwehn deine Spuren.
Der Ritter vom Sacre Cœur eine Stunde nach Mitternacht: Die Metro hat Feierabend und wir einen Fußweg vor uns. Die halbe Stadt lang. Hin zum Place de la Nation. Place du Trône einst. Der Thron längst abgebaut, auf dem sie saßen, Ludwig und Maria Teresia. Wofür ein Dorf sterben musste vor ihrer Hochzeit.
Aber wir müssen hin. Vom Pigalle. Straight directly: Boulevard de Magenta. Gare du Nord und Gare del Est links liegenlassend. Und auch St. Laurent und St. Martin. In ein Kino drängen Voyeure zu Scream. Das Café nebenan pulsiert. Haut dich einer um eine Zigarette an, nachts um halb Zwei. Bedenke den Weg, der noch vor dir liegt. Nicht enden will die Magenta. Auf dem Place de la Republique dann lebt die Stadt auf. Letzter Seufzer der ewig Wachen in den Cafés und Bistros. Das Karussell am Rande ist tot. Trauernd wehen die Standarten auf seinen Türmen in die heilvolle Nacht.
Und dir selbst wird die Brust zu eng werden. Die Füße zu kurz, bleibt ein Trost im Halse. Lang lebe die Zeit, die zerstörend-bewahrende, entlang dieses Platzes. Nun schon Voltaire, nicht Rue, nein Boulevard. Tobte das Leben in der Magenta, stürmt, lärmt es bei Voltaire. Wie aber kommen Pariser heim in die Betten, wenn sie nicht warten wolln auf den ersten Metrozug?
Place Robert Blum: Nun einen starken Kaffee. Live auf der Bühne dort ein Knabe, Piaf in der Kehle. Es singt brav mit erweiterten Augen der Knabe von Liebe und Tod. Die Narren der Stadt vergehn sich in den Gefühlen und Worten. Das Trällern hallt nach auf der Straße. Lauter Begleiter zum runden Platz im Südosten der Stadt. Und stiller Rauch einer Zigarette. Ein Flüstern.
Heimzu die letzten Schritte, Place de la Nation. Endlich 28 Rue Rendez-Vous und Licht bei Jean-Claude. Nico, The Velvet Underground, faucht das Trällern des Knaben aus meinem Ohr. Nico singt, nein, weint dich in deinen Schlaf.

(1993)