Samstag, 10. Mai 2014

aus: Von der kindhaften Farbe des Rittersporns



































Erinnerung ans Jahr 1955

Da haben wir
                         noch gekämpft mit dem
Wort gegen Feinde
                        die Konter-
Revolluz-
                        zion wütete
Da hab ich noch
                        in die Windeln
geschissen
                        hat mein Vater
STALIN
                        beschimpft und Ulbricht
ZUGEJUBELT
                       Die ROTEN FAHNEN

Wehten        voll Pathos
sprachen Grothewohl
                      und Pieck
Keine Fehler
                      diskussion Genossen
der Feind steht
                      rechts
sie loben uns
                      In Bautzen
und Bützow
                      wechselten
                                           die Mieter
Großbauern
                     lachten sich schon nicht mehr
ins Fäustchen
                     Ich sog
                                           die Muttermilch
                                                                        ein.

                                                                                 (1988)

Freitag, 9. Mai 2014

DAVONGEKOMMEN



Noch mal
meinem Vater

Noch mal
davongekommen ein armseliges Leben lang
von Odessa der Schönen
Ab nach Sibirien und trocken Brot STALIN-
Orgeln in Rumänien pfiffen
DER WAHNSINNIGE lief über
den Graben nach vorn und hinten
Traf die Kugel in die Lunge
Ein Splitter des Feinds du
Hattest Angst der Marschbefehl nach Stalingrad
Schon ausgestellt welche Nummer
In deine Haut gebrannt der Stein
Im Bruch ein Feuer in der Brust dawaii
Die Karabinermündung noch mal
DAVONGEKOMMEN

Kochrezept



Das Innenleben des Kaviars (Kaviar, jüdisch)

Rote Perlen wie Tropfen gefrorenen Bluts
auch schwarzsilberne Früchte entrissen
den Leibern geschlachteter Fische:
und nun schon so deutsch:
der Rogen (gefärbt) des Herings wie der Makrele?
Nein, jüdisch kochts anders.
Nimm nur die Hühnerleber, gewaschen,
langsam und gründlich gegrillt
der süßliche Duft steigt in die Nase
acht Aier gut hartgekocht aber
nicht blaß schon das Jelbe vom Ai
nicht rosa das Blut feinzerhackt
erinnre zerlassenes Schmalz
ob Gans oder Huhn sei egal
wein dir die Zwiebel zu Würfeln
ins heiße Fett nun hinein
daß sie sich bräunen auf minderer Flamm'
oh, wie sie brannten, die Juden
in Feuern und Flammen von Auschwitz
und Treblinka. Schneid' dir die Leber
kalt schon ins duftende Fett
streu Salz in die offenen Wunden und Pfeffer
und misch dich nicht ein
sei still nur, höre das Bruzzeln, Schrein,
steigt dir der Rauch in das Aug'
und mische und salze noch nach
diesen Kaviar jüdisch
mit deinen Tränen und färbs
mit deiner Trauer und misch.
5-12-88

Dienstag, 6. Mai 2014

Kälber mit zwei Köpfen

Eben im NDR-Fernsehen:


Eine ältere Frau äußert ihre Meinung zu homosexuellen Mitbürger/innen. "Es gibt auch Kälber mit zwei Köpfen und anderen Missbildungen. Da gehören die meiner Meinung nach auch dazu."
Da fällt mir nur der Brecht-Satz ein: "Der Schoß ist fruchtbar noch / aus dem das kroch."
Und ich wünschte, diese Dame hätte viele Kälber mit zwei Köpfen geworfen.

Montag, 5. Mai 2014

Weimar

Weimar, Theaterplatz


Gegenüber dem Nationaltheater – in einem Pavillon – präsentiert die Stadt die Bauhausausstellung. Ich stehe vor einer Vitrine nahe dem Eingang. Mein Blick fällt auf ein Faksimile aus dem Jahre 1919. Es ist eine bittere Beschwerde über die nationalistische und antisemitische Stimmung in dieser Stadt, in der die Bauhaus-Gründer Gropius, Itten und Co. eine freie Denkfabrik der Kunst erträumten, die sich massiv gegen Lehrer und Schüler des Bauhauses richtete.
Gerade war die Weimarer Republik gegründet worden. Die Hetzjagden begannen und führten schließlich dazu, dass die Schule nach Dessau umzog. Der Geist der Ewiggestrigen aber blieb. Hier führte die NSDAP 1926 einen ihrer ersten Parteitage nach der Neugründung durch. Hier wurde der Ettersberg gerodet und ein Konzentrationslager gebaut. Dieses Lager taufte man "Buchenwald". Und als es befreit wurde 1945 schickten die Alliierten die Bewohner der Stadt durch das Lager. Unbegreifliches sahen sie. Leichenberge. Zu Skeletten abgemagerte Menschen in Häftlingskleidung. Unten, auf dem Theaterplatz standen Goethe und Schiller.



Oben auf dem Ettersberg lagen die Leichen. 


1987 fuhr ich mit Schülerinnen und Schülern in diese Stadt. Es machte den Halbwüchsigen, die gerade die Jugendweihe gefeiert hatten, nichts aus, in den ehemaligen SS-Baracken auf dem Ettersberg zu nächtigen, die nun zu einer Jugendherberge umgewidmet worden waren. Wir entdeckten die Gegend rund um das Lager und ließen uns auf einem Hügel nieder. Eine scheinbar unschuldige Gegend unweit des Quartiers. Nur wurde ihnen mulmig, als sie erfuhren, dass Tausende und Tausende Menschen den Stalinschen Terror im selbigen Lager nicht überlebt und direkt unter ihnen, dort wo sie saßen und schauten, verscharrt worden waren. Nichts ist, wie es scheint.
Und wir als am Abend des 20. April in der Weimar-Halle die Neonazis öffentlich feiern sahen und hörten, das Heil-Rufen und die erhobenen Hände, meldete sich der Widerstand in uns. Einige Mädchen wurden zu laut, so dass die auf der Empore uns drohten. Nachdem wir die Halle verlassen hatten, begann ihre Hetzjagd. Zehn, vielleicht zwölf der Feiernden folgten und trieben uns durch die dunkel gewordene Stadt. Wir nahmen nur die Beine in die Hand und flohen in den bereit stehenden Bus, fuhren in die SS-Baracken. Am nächsten Morgen war jeder Hügel für meine Schülerinnen und Schüler ein Leichenberg. Lange Zeit.

Die Ortsgruppe hat Zeichen gesetzt zu den diesjährigen Europawahlen, sehe ich. An den Laternen prangen ihre Plakate, schön ordentlich, alle in derselben Höhe. Fünf Plakate der NPD, dann fünf Plakate der FDP, dann fünf Plakate der NPD. 
Wer glaubt an Zufälle in dieser gespaltenen Stadt.